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http://www.businessinsider.de/die-folgen-des-billigen-oelpreis-2015-12

Der Preisverfall am Ölmarkt wird immer stärker. Während ein Barrel (ca. 159 Liter) der Ölsorte Brent im vergangenen Sommer noch rund 114 Dollar (104 Euro) kostete, ist sein Preis in der Zwischenzeit auf rund 40 Dollar (37 Euro) gefallen.

Die folgende Preiskurve zeigt diese dramatische Entwicklung in eindrucksvoller Klarheit:

oelpreis chart 091215finanzen.net

Schuld daran, dass das schwarze Gold so spottbilig ist, ist das Überangebot am Markt. Und das wird momentan immer größer.

Denn die Organisation Erdöl exportierender Länder, kurz Opec, kümmert sich nur wenig um die selbstgestzten Fördergrenzen von 30 Millionen Barrel pro Tag und will diese schon gar nicht weiter einschränken. Zu groß ist die Angst, dann Marktanteile zu verlieren. Da nimmt man lieber die billigen Preise in Kauf und hofft auf eine dadurch entstehende höhere Nachfrage.

Auch andere Produzenten wie Russland oder die USA tragen zur Ölschwemme bei. Auch der Iran hat angekündigt, seine wieder hochzufahren, sobald die Wirtschaftssanktionen auslaufen. Das dürfte den Preisverfall noch weiter verstärken. Die US-Investmentbank Goldman Sachs hält in den kommenden Jahren gar einen Ölpreis von 20 Dollar (18 Euro) für denkbar.

Doch billiges Öl hat nicht nur Vorteile, zum Beispiel durch günstigere Benzin- oder Heizölpreise, sondern auch eine ganze Menge Nachteile. Für die Ölkonzerne, für verschiedene Volkswirtschaften weltweit und für die Umwelt.
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Ölkonzerne in Bedrängnis
Ölkonzerne in Bedrängnis Vytautas Kielaitis/Shutterstock

Die großen Öl-Firmen wie Exxon, Chevron, Eni, BP und Shell leiden besonders unter dem Preisverfall, immerhin verdienen sie ihr Geld mit der Förderung, der Verarbeitung und dem Vertrieb von Erdöl. Höhe Ölpreise sind für sie daher gut, niedrige schlecht. In ihren letzten Quartalsbilanzen mussten die Ölkonzerne daher deutliche Gewinnrückgänge ausweisen, bei Shell fiel sogar ein Milliardenverlust an.

Hier stellt sich die Frage, wer am längsten mit den niedrigen Preisen klarkommt und wem bald die Pleite droht. Denn die Ölfirmen verdienen nicht nur weniger, viele von ihnen haben auch Kredite aufgenommen oder Anleihen ausgegeben, die sie in den nächsten Jahren zurückzahlen müssen. Die Mittel dafür werden dann aber wohl nicht mehr alle haben. Aufgrund der prekären Lage am Ölmarkt wird es für viele Ölfirmen außerdem schwieriger und teurer, neues Geld von Banken oder Investoren einzusammeln. Auf kurz oder lang werden einige Ölfirmen also auf dem Trockenen sitzen — falls sich der Ölpreis nicht wieder erholt.
Förderprojekte und andere Investitionen in die Ölgewinnung stehen auf dem Prüfstand
Förderprojekte und andere Investitionen in die Ölgewinnung stehen auf dem Prüfstand Anton Watman/Shutterstock

Da den Ölfirmen die Gewinne wegbrechen, müssen sie notgedrungen ihre Ausgaben kürzen. Es ist abzusehen, dass hier zuerst Investitionen und Förderprojekte gestrichen werden. Doch nicht nur die Konzerne, sondern auch die Regierungen dürften ihre Investitionen für Förderprojekte kürzen oder ganz streichen. Denn diese sind beim aktuellen Preisniveau einfach nicht mehr wettbewerbsfähig.

Förderprojekte verschlingen in den ersten Jahren zunächst Unsummen an Geld, bevor sie schließlich Gewinne abwerfen. Wenn Öl weiterhin so billig bleibt, dauert es aber noch länger, bis die Gewinnschwelle erreicht ist — wenn das den überhaupt gelingt. Aus diesem Grund stehen nun viele Förderprojekte auf dem Prüfstand. Laut den Kollegen der „Süddeutschen“ ist etwa die Zahl aktiver Bohrtürme außerhalb Nordamerikas seit dem Sommer 2014 bereits um ein Fünftel gesunken.

Diese Entwicklung könnte aber auch nach hinten losgehen. Die internationale Energieagentur IEA warnt laut den Kollegen von „N-TV“ vor Investitionskürzungen. Wenn jetzt notwendige Investitionen aufgrund des Überangebots an Öl unterblieben, könnte das in einigen Jahren zu einer heftigen Gegenbewegung mit stark steigenden Ölpreisen führen. Denn wenn jetzt nicht investiert wird, so die IEA, wird das Ölangebot in Zukunft sinken, die Preise steigen und eine Produktion teurer werden.
Die Fracking-Industrie trifft es besonders hart
Die Fracking-Industrie trifft es besonders hart Christopher Halloran/Shutterstock

Die Fracking-Industrie, vor allem in den USA, wird ebenfalls besonders hart vom Preisverfall am Ölmarkt getroffen — und das ist auch die volle Absicht der Opec. Denn beide liefern sich einen erbitterten Kampf um Marktanteile. Die Opec will mit dem Überangebot bewusst auch der Konkurrenz aus den USA schaden (das Land gehört nicht zur Opec) und setzt darauf, dass dieser zuerst die Puste ausgeht.

Beim Fracking wird mittels eines komplizierten und teils umstrittenen Verfahrens Schieferöl aus tiefen Gesteinsschichten gefördert. Das ist aufwendig, nicht ganz billig und lohnt sich laut Experten erst ab einem Ölpreis von 70 bis 80 Dollar (64 bis 73 Euro). Da dieser davon aktuell weit entfernt ist, wird die Schieferölförderung in den USA immer unattraktiver. Eine Pleitewelle unter den Fracking-Unternehmen blieb bislang aber noch aus.
Auch andere alternative Ölgewinnungsmethoden leiden
Auch andere alternative Ölgewinnungsmethoden leiden chris kolaczan/Shutterstock

Ähnliches wie für Fracking gilt auch für andere alternativen Methoden der Ölgewinnung.

In Kanada wird beispielsweise Öl aus Teersand gewonnen. Die Kollegen von „Finanzmarktwelt“ nennen diese Fördermethode „so ziemlich die teuerste Art der Ölgewinnung“. Der niedrige Ölpreis dürfte nun das schaffen, was Umweltschützer vergeblich versucht haben, nämlich diese Projekte deutlich zu bremsen.

Da die alternativen Fördermethoden deutlich teurer sind als die konventionellen und sich auch die konventionellen Methoden nur noch am Rande der Profitabilität bewegen, sind Firmen oder Regierungen kaum mehr bereit, große Summenzu investieren. Auch wenn dadurch, wie in Kanada, zahlreiche Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen.
Die Autoindustrie freut sich — oder doch nicht?
Die Autoindustrie freut sich — oder doch nicht? ssuaphotos/Shutterstock

Laut dem „Bundesverband eMobilität“ ist der Transport-Sektor für rund 59 Prozent des weltweiten Ölkonsums verantwortlich und vermutlich spüren wir den tiefen Ölpreis im Alltag am meisten an der Tankstelle. Da die Preise dort in den letzten Jahren immer mehr gestiegen sind, ging der Trend zuletzt zu kleineren Autos mit einem geringeren Verbrauch oder gleich zum Car-Sharing. Das könnte sich jetzt ändern. In den USA geht der Trend längst wieder zur Dreckschleuder und auch in Europa steigt die Nachfrage nach Pick-Up-Trucks.

Tatsächlich ist es aber vermtlich nicht so, dass die Leute bei einem niedrigen Benzin- bzw. Ölpreis gleich zum nächsten Autohändler laufen und sich einen größeren Wagen anschaffen werden. Aber sie fahren höchstwahrscheinlich wieder mehr mit dem Auto, dass sowieso schon in der Garage steht.

Leiden dürfte allerdings die Nachfrage nach Hybrind- und Elektrofahrzeugen. Denn diese sind verhälnismäßig teuer. Geld, dass man bei einem niedrigen Ölpreis nicht so schnell wieder drin hat. Der „Bundesverband eMobilität“ zitiert eine Umfrage, wonach 41 Prozent der Befragten ab einem Benzinpreis von 1,80 Euro bzw. 65 Prozent der Befragten ab einem Benzinpreis von zwei Euro über einen Umstieg auf ein E-Auto nachdenken würden. Das könnte also noch etwas dauern.

Die Elektroautobranche selbst sieht aktuell jedoch noch kein Problem: „Nur weil Sprit etwas günstiger ist, wird er nicht nachhaltiger. Wir blicken nur auf die langfristigen Perspektiven“, erklärte etwa Tesla-Vertriebschef Jerome Guillen gegenüber der dpa.
Sind die Scheichs jetzt nicht mehr so reich?
Sind die Scheichs jetzt nicht mehr so reich? zeljkodan/Shutterstock

Die saudischen Scheichs sind eine treibende Kraft innerhalb der Opec, wenn es darum geht die Fördermenge oben zu halten und die Konkurrenz mit Kampfpreisen aus dem Markt zu drängen. Doch auch Saudi-Arabien kann die Kampfpreise nicht ewig durchhalten. Der IWF prognostiziert dem Wüstenstaat für dieses Jahr ein Haushaltsdefizit von 120 Milliarden Dollar (109 Mrd. Euro) bzw. 20 Prozent des BIP und warnt davor, dass die Scheichs ihre finanziellen Reserven von mehr als 600 Milliarden Dollar (546 Mrd. Euro) bald ausgeschöpft haben werden.

Tatsächlich leidet auch Saudi-Arabien unter dem Preisverfall bei Öl, obwohl das Land ihn maßgeblich mit verursacht. König Salman musste bereits Großprojekte absagen oder verschieben und hat erstmals seit 2007 Staatsanleihen mit einer Laufzeit von mehr als 12 Monaten begeben. Laut IWF brauchen die Saudis einen Ölpreis von rund 80 Dollar (73 Euro) pro Barrel, um den Staatshaushalt ohne Fremdfinanzierung auszugleichen.

Der Grund, warum die Scheichs den Preiskampf trotzdem anfachen, ist einfach: In den 1980ern hatte Saudi-Arabien die Ölproduktion als Reaktion auf einen stark gefallenen Ölpreis heruntergefahren — also genau das getan, was man heute nicht tun will. Denn die Folge war damals ein massiver Verlust an Marktanteilen, den man erst nach mehreren Jahren wieder aufholen konnte. Da Saudi-Arabien laut den Kollegen von „N-TV“ aktuell auch bei einem Ölpreis von 40 Dollar (36 Euro) pro Barrel gerade noch kostendeckend produzieren kann, lässt man sich dieses Mal also auf den Preiskmapf ein.
Der schwache Ölpreis lässt einige Volkswirtschaften straucheln
Der schwache Ölpreis lässt einige Volkswirtschaften straucheln OlegDoroshin/Shutterstock

Viele ölexportierende Länder vor allem in Afrika und Lateinamerika sind auf Ölpreise von 100 Dollar (91 Euro) pro Barrel angewiesen, da sie nur so ihre Staatsausgaben finanzieren können. Der niedrige Ölpreis bringt sie daher in starke Bedrängnis und führt sie an den Rand der Pleite. Sie versuchen momentan, ihre Einnahmen zu erhalten, indem sie so viel fördern, wie nur möglich, was die Situation natürlich noch verschlimmert.

Zwei Beispiele für Länder, die besonders unter dem niedrigen Ölpreis leiden, sind Russland und Venezuela.

Russland ist stark vom Rohstoff-Export, insbesondere von Öl, abhängig und nicht wirklich auf einen Preisschock vorbereitet. Laut den Kollegen von „Bloomberg“ wären die russische Wirtschaft und das russische Finanzsystem ernsthaft in Gefahr, wenn sich der Ölpreis länger in einem Bereich um 30 Dollar (27 Euro) pro Barrel bewegen würde. Das ist momentan zwar noch nicht der Fall, liegt aber mittlerweile durchaus im Bereich des Möglichen.

Venezuela steht dagegen schon jetzt kurz vor der Pleite. Das lateinamerikanische Land ist im höchsten Maß vom schwarzen Gold abhängig: Öl ist für 95 Prozent der Exporte und zwei Drittel der Einnahmen im Staatshaushalt verantwortlich. Damit der Haushalt ausgeglichen ist, braucht Venezuela laut den Kollegen von „Die Welt“ einen Ölpreis von 117 Dollar (107 Euro) pro Barrel, aktuell liegt er aber bei gut einem Drittel dieses Wertes. Das bekommt Venezuela zu spüren in Form einer sinkenden Wirtschaftsleistung gepaart mit einer Mega-Inflation. Die Bevölkerung stellte der sozialistischen Regierung auch gleich die Quittung dafür aus, indem sie bei den Parlamentswahlen die Konservativen an die Macht wählte. Ob die neue Regierung das Ruder aber noch herumreißen kann, ist fraglich. Laut Experten liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Pleite Venezuelas in den nächsten fünf Jahren bei 90 Prozent.
Der deutsche Konjunkturmotor brummt hingegen
Der deutsche Konjunkturmotor brummt hingegen S Borisov/Shutterstock

Deutschland gehört nicht zu den ölexportierenden, sondern zu den ölimportierenden Ländern. Daher profitiert es von einem niedrigeren Ölpreis, der die Import-Rechnung entlastet.

Ökonomen sprechen sogar davon, dass ein niedriger Ölpreis hierzulande wie ein Konjunkturpaket wirkt, da Firmen, die auf Öl angewiesen sind, günstiger produzieren können und die Verbraucher das Geld, das sie an der Tankstelle sparen, in den Kauf anderer Konsumgüter stecken.
Welche Folgen hat billiges Öl für die Umwelt?
Welche Folgen hat billiges Öl für die Umwelt? Kamira/Shutterstock

Noch bis zum 11. Dezember findet in Paris die UN-Klimakonferenz statt. Dort ringen die Vertreter zahlreicher Nationen um ein neues Abkommen mit verbindlichen Klimazielen. Der günstige Ölpreis könnte diese Bemühungen etwas sabotieren, da er dazu beitragen dürfte, dass nicht weniger sondern wieder mehr CO2 ausgestoßen wird. Denn wenn Öl billig ist, gibt es einen Grund weniger, sich nach anderen, grüneren Energiequellen umzusehen. Das gilt sowohl für die Industrie als auch für Verbraucher, die dann doch öfter auf das eigene Auto mit Diesel- oder Benzinmotor zurückgreifen, anstatt auf öffentliche Verkehrsmittel, das Fahrrad oder Elektrofahrzeuge umzusteigen.

Andererseits wurde auch schon erwähnt, dass durch den niedrigen Ölpreis viele, potenziell umweltschädliche Fördermethoden an Attraktivität verlieren, da sie sich nicht kostendeckend nutzen lassen. Hier trägt der niedrige Ölpreis also möglicherweise zum Umweltschutz bei.
Und was bedeutet das für die Verbraucher?
Und was bedeutet das für die Verbraucher? Federico Rostagno/Shutterstock

Für die Verbraucher in Deutschland wirkt sich der niedrige Ölpreis gerade eigentlich nur positiv aus.

Heizöl ist so billig wie seit zehn Jahren nicht mehr: 100 Liter kosten aktuell um die 50 Euro. Zusätzlich zum Preisverfall am Ölmarkt hilft hier aber auch noch das bislang recht milde Winterwetter, das die Nachfrage sinken lässt.

Und auch zur Tankstelle kann man wieder mit guter Laune fahren und ohne dass einem beim Blick auf die Preistafel ganz schwarz vor Augen wird. In den vergangenen Tagen fiel der Preis für Diesel an einigen Tankstellen sogar kurz unter die Marke von einem Euro. So macht Tanken sogar Spaß. Falls Ölpreis und Dollar-Wechselkurs sich auf ihrem aktuellen Niveau halten, könnte es an den Tankstellen demnächst noch etwas weiter abwärts gehen. Denn hier kommen die niedrigeren Preise immer erst mit einiger Verzögerung an, wenn auch die Raffinerien das Öl zu den günstigeren Konditionen einkaufen und weiterverarbeiten konnten.

 

 

 

 

 

 

 

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